Strategisches Carbon Management in Österreich: Die neue interaktive CO2-Karte der SEG als Planungsinstrument für die Energiewende

27.03.2026
Die Erreichung der Klimaneutralität bis 2040 stellt Österreich vor komplexe infrastrukturelle Herausforderungen. Während die Defossilisierung oberste Priorität genießt („mitigation first“), verdeutlichen aktuelle Forschungsergebnisse, wie z.B. die des Projekts CaCTUS (Austria's climate neutrality: An in-depth evaluation of the potential contribution of CCU and CCS), dass auch in einem klimaneutralen Szenario jährlich signifikante Mengen an CO2-Emissionen verbleiben. Um diese verbleibenden Ströme effizient zu bewirtschaften, hat die Plattform SEG auf Basis der CaCTUS-Daten eine interaktive CO2-Karte entwickelt, die als zentrale Entscheidungsgrundlage für die strategische Planung von Quellen und Senken dient.


1. Erneuerbare Gase als technologische CO2-Senken
Im Gesamtsystem der Defossilisierung und Dekarbonisierung nehmen erneuerbare Gase eine Doppelrolle ein: Sie fungieren nicht nur als Energieträger, sondern ermöglichen durch die Einbindung von Kohlenstoffkreisläufen die Realisierung technischer Senken.

  • Methanisierung von RFNBOs: Ein wesentlicher Pfad ist die Synthese von Methan aus grünem Wasserstoff und CO2. Hierbei kann CO2 aus „reinen Quellen“, wie sie etwa bei bestimmten industriellen Prozessen anfallen, direkt genutzt werden, um erneuerbares Gas herzustellen, das die bestehende Infrastruktur nutzt.
  • Biomethananlagen als CO2-Lieferanten: Biomethananlagen bieten ein hohes Potenzial für die Abscheidung von hochreinem, biogenem CO2. Dieser Strom kann entweder für CCU-Anwendungen (Carbon Capture and Utilization) genutzt oder durch dauerhafte geologische Speicherung (BECCS – Bioenergy with Carbon Capture and Storage) zur Erzielung negativer Emissionen verwendet werden.
  • Biokohle in der Holzgas-Produktion: Bei der thermochemischen Vergasung von Biomasse (Holzgas/Syngas) besteht die Möglichkeit, Kohlenstoff in Form von Bio-Kohle dauerhaft zu binden. Dieser Prozess entzieht der Atmosphäre aktiv CO2 und trägt so bei entsprechender Verwendung der Bio-Kohle als dauerhafte Senke zur Verbesserung der THG-Bilanz bei.

2. Die strategische Bedeutung der Planung von Quellen und Senken
Die räumliche und zeitliche Koordination von CO2-Quellen und potenziellen Senken ist für eine wirtschaftliche Umsetzung von CCUS-Technologien (Carbon Capture, Utilization and Storage) essenziell. Die Analysen im Projekt CaCTUS zeigen, dass trotz ambitionierter Reduktionspfade bis 2050 zwischen 4,0 und 5,5 Millionen Tonnen an schwer vermeidbaren („hard-to-abate“) prozessbedingten Emissionen sowie signifikante biogene Mengen verbleiben.
Eine integrierte Source-to-Sink-Planung ermöglicht es, regionale Cluster zu identifizieren und den Bedarf an überregionaler Transportinfrastruktur, wie etwa dedizierten CO2-Pipelines, frühzeitig in die nationale Netzplanung einzubeziehen.

3. Die Rolle erneuerbarer Gase im Gesamtsystem
Erneuerbare Gase bilden das Bindeglied zwischen der Kohlenstoffwirtschaft und dem Energiesystem. Sie erlauben es, abgeschiedenes CO2 als Rohstoff für chemische Produkte oder synthetische Kraftstoffe wiederzuverwerten und so fossile Ressourcen zu substituieren. Gleichzeitig ist die Wirtschaftlichkeit dieser CCU-Pfade massiv von der Verfügbarkeit günstiger erneuerbarer Energie, insbesondere grünem Wasserstoff, abhängig. Die stoffliche Nutzung von biogenem CO2 ermöglicht zudem eine Kreislaufführung, die für Sektoren wie die chemische Industrie langfristig unerlässlich ist.

4. Ein interaktiver Wegweiser: Die CO2-Karte der SEG
Um diese komplexen Zusammenhänge für Akteure aus Politik, Wirtschaft und Forschung greifbar zu machen, stellt die interaktive CO2-Karte der SEG ein wertvolles Werkzeug dar. Sie visualisiert die im Projekt CaCTUS quantifizierten Punktquellen. Nutzer können unterschiedliche Szenarien explorieren und so ein tieferes Verständnis für die notwendige Infrastruktur und die Synergieeffekte zwischen Gasnetz-Transformation und Carbon Management entwickeln.
 
Die interaktive CO2-Karte der SEG ist ab sofort unter folgendem Link abrufbar: https://www.erneuerbaresgas.at/wissensdatenbank/erneuerbare_gase_allgemein/co2_karte